Quelle: https://www.woz.ch/2640/offene-antifaschistische-treffen/kein-ruhiges-hinterland/!6V90SSQ8ANG0
Das Zürcher Oberland ist ein bisschen wie die Schweiz im Kleinen: Seen und Hügel, teilweise ländlich, teilweise urban, vielerorts zersiedelt, in weiten Teilen eine einzige grosse Agglomeration. Bloss Berge gibt es hier keine, wie man ausserhalb der Region vielleicht vermuten würde, dafür einige «Schlaforte», in denen Leute wohnen, deren Leben sich in Zürich oder Winterthur abspielt. Politisch ist die Region mit einigen Ausnahmen wie etwa der Stadt Uster eher konservativ, mancherorts klar rechts dominiert.
Auch der Rechtsextremismus hat hier eine gewisse Tradition. Waren es früher Fackelumzüge, Konzerte oder sonstige Treffen von Neonazis, die alle paar Jahre für Aufruhr sorgten, tauchten jüngst Sticker der Jungen Tat und rechtsextreme Sprayereien auf. Seit rund zwei Jahren gibt es im Zürcher Oberland allerdings auch einen antifaschistischen Gegenpol.
Raum schaffen
Es ist Sonntagnachmittag. An einem schattigen Plätzchen hinter dem Bahnhof Uster haben sich rund zwanzig Personen versammelt. Sie sind jung, zwischen 17 und 25 Jahre alt, mit Ausnahme eines Mannes, der sich später als Grossvater eines Teilnehmers vorstellt. Nach einer Vorstellungsrunde erklärt Momo, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, den heutigen Plan: ein Spaziergang mit Inputs zu historischen Aufständen in der Region. Die Gruppe setzt sich plaudernd in Bewegung, viele kennen sich schon, einige sind zum ersten Mal dabei.
Zwar ist das Format an diesem Tag ein besonderes, der Termin ist es aber nicht: Jeden letzten Sonntag im Monat gibt es im Zürcher Oberland ein «offenes antifaschistisches Treffen», kurz OAT. Wo genau man sich trifft, erfahren Interessierte auf Anfrage per Mail oder in den sozialen Medien. Trotz aller Offenheit, ein bisschen Vorsicht müsse sein, meint Momo: «Wir werden ab und zu von offensichtlichen Fake-Profilen angeschrieben, daher haben uns wohl schon einige Rechtsradikale auf dem Schirm.»
Momo hat das OAT mitgegründet, wie er, durch Uster spazierend, erzählt, einfach, weil es hier so etwas noch nicht gab. «Wir wollten einen Raum schaffen, in dem man sich austauschen kann», sagt der 22-Jährige. Eigentlich wäre man als junge linke Person auf dem Land gar nicht allein, so Momo, doch «auch wenn es in vielen Dörfern Menschen gibt, die gerne etwas aktiver wären, ist es schwierig, sich zu finden». Momo ist in Illnau-Effretikon aufgewachsen, einer Gemeinde mit 18 000 Einwohner:innen. Andere, die an die Treffen kommen, stammen aus kleineren, abgelegeneren Dörfern.
Das OAT Zürcher Oberland ist nicht das einzige seiner Art: In Städten wie Bern, Basel und Luzern, aber auch in Liestal, Solothurn oder im Aargau entstanden in den letzten Jahren ebensolche offene Treffen. Die Idee ist überall dieselbe: Antifaschist:innen und Interessierte sollen möglichst niederschwellig Gleichgesinnte kennenlernen und herausfinden können, ob und wie sie sich politisch engagieren möchten. Daneben gibt es meist einen Input zu einem politischen Thema, beispielsweise zu Gewerkschaftsarbeit oder zum Widerstand gegen KI-Datenzentren, wie ihn im Oberland kürzlich Aktivist:innen der Gruppe «Aufstände der Allmende» vorstellten.

Maschinen stürmen
Widerstand gegen die Mächtigen – den gab es in der Region auch früher schon. Nach einem viertelstündigen Fussmarsch ist das erste Ziel erreicht: Gleich neben dem Friedhof, auf dem Zimikerhügel, liegt der Ustertag-Gedenkstein. Momo erzählt, wie sich hier am 22. November 1830 10 000 Männer versammelten. Sie forderten eine neue Verfassung, die das Land der Stadt gleichstellen sollte. Kurz darauf fanden tatsächlich Neuwahlen statt, bei denen die Landschaft zusätzliche Sitze im Grossen Rat erhielt. Die militantere Fortsetzung der Geschichte sollte schliesslich als einziger erfolgreicher Maschinensturm des Landes bekannt werden.
Davon erzählt Celeste, wie Momo Mitorganisator:in des OAT und lieber nicht mit richtigem Namen in der Zeitung, bei der nächsten Station. Ein knapp vierzigminütiger Spaziergang durch die Wohnquartiere führt auf ein altes Fabrikareal am Ostende der Stadt, das am Ustermer Aabach liegt. Vor den Gebäuden, in denen bis Mitte der Neunziger Textilien produziert wurden, bleibt Celeste stehen und erzählt vom «Usterbrand», der sich hier zutrug.
Zwei Jahre nach dem Ustertag wollten die Obrigkeiten dieses Tages mit einer Feier gedenken. Doch vielen Oberländer:innen war nicht zum Feiern zumute: Sie hatten soeben eine Hungersnot überstanden und versuchten, sich mit Heimarbeit über Wasser zu halten. Und genau diese Arbeit wurde nun zunehmend durch Maschinen verrichtet. Viele Heimarbeiter:innen hatten deshalb am Ustertag auch ein Verbot von Webmaschinen gefordert – erfolglos. Statt zu feiern, zogen darum am 22. November 1832 mehrere Hundert Personen zur Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister und brannten deren Webmaschinen und die Fabrik bis auf die Grundmauern nieder.
Anschlussfähig bleiben
Etwa eine Viertelstunde lang, bloss ab und an unterbrochen vom Lärm einer vorbeibrausenden S-Bahn, erzählt Celeste, was sich an diesem Ort ereignete. «Ich bin kein:e Historiker:in», sagt they* später, wieder unterwegs in Richtung Bahnhof, «aber mich haben die Maschinenstürme in England sehr interessiert.» Als Celeste erfahren habe, dass sich in der Region Ähnliches zugetragen habe, habe they alles darüber herausfinden wollen. «Zuvor war das Zürcher Oberland für mich lange vor allem der Ort, von dem ich weg war.»
Die 24-jährige Person ist in Pfäffikon aufgewachsen, lebte dann in betreuten Wohnformen unter anderem in Winterthur und Zürich und heute wieder in einem Dorf im Oberland. Celeste wohnt aufgrund der Lebenssituation hier, daher nur «halb freiwillig». «Als queere Person wird man hier schon häufiger angefeindet», so die junge Person im blassrosa Shirt, auf dessen Rückseite «Ein Box auf Nazis» steht. Beim OAT engagiert sich Celeste, um in der Region mehr Leute kennenzulernen, aber auch, weil Zürich relativ weit weg ist.
Celeste war auch schon an antifaschistischen Treffen in Zürich, bei denen das Prinzip zwar das gleiche sei, aber sehr viel mehr Leute kämen. Auch Momo war wenige Male an OATs in Zürich und Winterthur, bevor er mit anderen aus der Region beschloss, selber Treffen zu organisieren. Schon beim ersten Mal seien viele Personen gekommen, von denen er längst nicht alle kannte. Im Oberland zu bleiben, so Momo, sei auch ein Akt der Überzeugung, weil es ihm «gegen den Strich geht, dass alle Queers und Linken wegziehen». Doch auch pragmatische Gründe spielten eine Rolle, so sei das Wohnen hier etwas weniger teuer als in Zürich.
Wer sich auf dem Land antifaschistisch engagieren wolle, müsse etwas vorsichtiger auftreten, glaubt Momo. «Wir versuchen, anschlussfähig zu bleiben.» Ziel sei es, nicht selbst der störende Faktor in der Dorfgemeinschaft zu sein, sondern klarzumachen, «dass das die Faschos sind». Man erfülle für viele insbesondere die Funktion einer Anlaufstelle und helfe bei der Vernetzung.
Trotzdem ist man auch im öffentlichen Raum präsent, etwa wenn hier und da mal ein politisches Banner gehisst wird oder natürlich mit den politischen Stickern, die an diesem Nachmittag grosszügig verteilt werden. Einige landen auch an Strassenlaternen in Bubikon, wo Momo zwischen Bahnhof und Ritterhaus erzählt, wie Bauern 1525 Letzteres stürmten. Dann geht es zurück zum Bahnhof und für die einen zum Ausklang nach Wetzikon, für die anderen nach Hause. In einem Monat, so viel ist sicher, werden sich einige von ihnen wieder irgendwo im Zürcher Oberland treffen. ●










